Tagesordnungspunkt 29

Beratung

Neue Modelle der Lehrkräftebildung auf den Weg bringen!

Antrag Fraktion Die Linke - Drs. 8/6140


Herr Lippmann ist schon in der Spur. - Herr Lippmann, wandern Sie schneller, wir haben keine Zeit. Wir haben Weihnachtsfeier.

(Ulrich Siegmund, AfD, lacht)


Thomas Lippmann (Die Linke):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das mit Abstand größte Problem an unseren Schulen ist der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften. Daran konnten weder die rechtswidrige Vorgriffsstunde noch andere Überstunden der Lehrkräfte grundlegend etwas ändern. Auch der Einsatz von Lehrkräften im Seiteneinstieg in bisher undenkbarem Ausmaß reicht nicht aus, um eine Unterrichtsversorgung von 103 % auch nur annähernd zu erreichen.

Rechnet man die ständigen Bedarfskürzungen der letzten Jahre nicht heraus, dann liegt die Unterrichtsversorgung real nur noch bei etwas über 85 %. Im Vergleich zu dem Schuljahr 2013/2014   das ist das letzte Schuljahr mit einer noch normalen Lehrkräfteversorgung   fehlen an den allgemeinbildenden Schulen aktuell etwa 5 000 Lehrkräfte.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Hä?)

Das ist weit mehr als alle Absolventen zusammen, die in den letzten zehn Jahren unsere beiden Universitäten überhaupt verlassen haben, und entspricht etwa einem Drittel des gesamten heutigen Lehrkräftebedarfs.

Etwa die Hälfte dieses Defizits von 5 000 Fachlehrkräften wird durch Lehrkräfte im Seiteneinstieg, durch Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst und durch Lehramtsstudierende aufgefangen, und das mit steigender Tendenz. Der Rest fehlt ganz.

Von dieser dramatischen Entwicklung sind vor allem die Sekundar- und Gemeinschaftsschulen extrem betroffen. Gerade für diese beiden Schulformen wird sich die Situation in den nächsten Jahren immer weiter verschlechtern. Denn inzwischen kommt die Ausbildung von Sekundarschullehrkräften in Sachsen-Anhalt in immer mehr Fächern komplett zum Erliegen.

Für Kunst, Musik und Französisch gibt es schon seit Jahren so gut wie gar keine Absolventen mehr. In dem gerade angelaufenen Wintersemester gibt es auch für Mathematik, für Physik und für Chemie praktisch keine neuen Studierenden mehr für das Lehramt an Sekundarschulen. Insgesamt haben sich in diesem Jahr an der MLU nur 73 Studierende neu für das Lehramt an Sekundarschulen eingeschrieben. Davon werden nach allen bisherigen Erfahrungen am Ende nicht einmal 50 die Uni als Absolventen verlassen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Aderlass an ausgebildeten Fachlehrkräften wird sich also an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen auf unabsehbare Zeit fortsetzen. Dabei stürzt die Unterrichtsversorgung an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen schon jetzt unaufhaltsam ins Bodenlose.

Insbesondere in der Altmark und in Anhalt gibt es immer mehr Schulen, die keine Fünftageunterrichtswoche mehr organisieren können. Immer mehr Kindern und Jugendlichen wird der Schulerfolg verwehrt und ganze Regionen werden abgehängt. Von Chancengleichheit im Bildungssystem und von gleichen Perspektiven kann längst keine Rede mehr sein.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Ergebnisse des letzten IQB-Bildungstrends 2024 weisen in erschreckender Weise darauf hin, welche einschneidenden Folgen der Mangel an Fachunterricht bereits jetzt hat.

Der Absturz im Fach Mathematik und in den drei Naturwissenschaften ist gewaltig. Unsere Jugendlichen des 9. Schuljahrganges hatten im Jahr 2024 gegenüber der ersten Erhebung zu diesen Fächern im Jahr 2012 über alle vier Fächer hinweg durchschnittlich eineinhalb Jahre an Lernfortschritt eingebüßt. Sie sind damit auf einem Kompetenzniveau angekommen, das vor zwölf Jahren für Bremen nachgewiesen wurde. Und die waren damals das Schlusslicht aller Bundesländer. Der Niedergang scheint längst nicht gebremst zu sein.

Der Ausgangspunkt für dieses ganze selbst verschuldete Elend liegt in der Abwicklung der Lehrkräfteausbildung für die allgemeinbildenden Schulen an der OVGU in Magdeburg und in der gleichzeitigen Absenkung der Ausbildungskapazitäten an der MLU in Halle durch CDU und SPD vor nunmehr 20 Jahren.

Und, liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist eine absurde Wiederholung der alten Fehler, wenn jetzt in der Koalition schon wieder mit sinkenden Schülerzahlen spekuliert wird. Wer schon wieder über den Abbau der in den letzten Jahren gerade erst mühsam erweiterten Kapazitäten für die Lehrkräftebildung an der MLU fantasiert, hat gar nichts kapiert. Das ist keine Politik, das sind Pawlowsche Reflexe, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Zustimmung bei der Linken - Marco Tullner, CDU: Reichen Sie eine Zahl nach!)

Die Geburtenzahlen sinken: also Kitas und Schulen schließen und die Lehrerbildung zusammenstreichen. Denken: Fehlanzeige.

(Oh! bei der CDU - Marco Tullner, CDU: Oi, oi, oi!)

Ich wiederhole es:

(Hendrik Lange, Die Linke: Vorsorge!)

- Hätten Sie mal vor 20 Jahren nachgedacht. Jetzt hätten Sie die Chance, das zu machen.

(Oh! bei der CDU)

- Ja, Leute, also ich weiß nicht, wer in die Schulen hineinguckt. Das fällt nicht vom Himmel. Wir haben immer wieder gesagt: Das ist gemacht, das ist nicht passiert.

(Zustimmung bei der Linken)

Das ist gemacht worden. Das ist entschieden worden. Und jetzt sind wir wieder an Stellen, an denen entschieden wird, und in zehn Jahren werden sich alle wundern, wo wir landen.

Und ich wiederhole es noch einmal: Innerhalb von nur zehn Jahren ist ein Defizit von 5 000 ausgebildeten Lehrkräften entstanden.

(Thomas Krüger, CDU: Aber nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern in ganz Deutschland!)

Durch verantwortungslose Entscheidungen von ignoranten Pfennigfuchsern sind wir in Teufel Küche gekommen. Ganze Schülergenerationen müssen jetzt die Suppe auslöffeln,

(Zurufe von Sven Rosomkiewicz, CDU)

die von CDU und SPD gemeinsam eingebrockt wurde. Wann werden aus diesen Fehlern denn endlich einmal Lehren gezogen?

Inzwischen ist bundesweit bei der Lehrkräfteausbildung einiges in Bewegung gekommen, was vorher nicht denkbar war. Das betrifft nicht nur die massive Einstellung von Lehrkräften im Seiteneinstieg, sondern auch die Lehramtsausbildung selbst.

Schon vor einigen Jahren haben die Kultusministerkonferenz und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder die erforderlichen Grundlagen für neue Wege in der Ausbildung und Gewinnung von Lehrkräften geschaffen. Und in vielen Bundesländern werden diese neuen Möglichkeiten auch schon lange intensiv genutzt.

(Thomas Krüger, CDU: Und trotzdem keine Lehrkräfte!)

Auch für die Ausbildung der Lehrkräfte in Magdeburg und in Halle haben wir in dieser Wahlperiode bereits einige Entscheidungen getroffen, mit denen zumindest bei einigen der extremen Mangelbereiche die Not etwas gelindert werden soll. Das betrifft die neue duale Ausbildung für das Lehramt an Sekundarschulen in Magdeburg und die Einrichtung von Master-Studiengängen für Quereinsteiger mit nur einem Fach in den Bereichen Kunst an der Burg und zuletzt auch für Musik an der MLU in Halle, mit teilweise bescheidenem Erfolg, muss man sagen.

Über weitere notwendige Reformen bei der Lehrkräftebildung mit neuen innovativen Studiengängen wurde im Bildungsausschuss schon mehrfach intensiv beraten. Dabei gab es für die beiden Neuerungen, die jetzt auf dem Tisch liegen und die vom Zentrum für Lehrerbildung der MLU schon seit längerer Zeit vorgeschlagen werden, breite Unterstützung. Jetzt stehen sie auch in der neuen Zielvereinbarung mit der MLU zur Lehrkräftebildung.

(Dr. Anja Schneider, CDU: Ach menno!)

Dabei handelt es sich um ein neues Lehramt für die Primarstufe, mit dem die bisherige Ausbildung für das Lehramt an Grundschulen mit dem bisherigen Lehramt für die Förderschule strukturell verbunden werden soll. Außerdem soll ein gemeinsamer Einstieg in das Studium für die Lehrämter in der Sekundarstufe I und II angeboten und modellhaft erprobt werden.

Wir halten beide Neuerungen für erfolgversprechende Reformansätze, mit denen ein spürbarer Beitrag zur Lösung der Probleme bei der Ausbildung und beim späteren Einsatz neuer Lehrkräfte für Sachsen-Anhalt geleistet werden kann.

Vor allem das neue Lehramt für die Primarstufe hat viel Potenzial. Wir halten die zügige Umstellung der Lehrkräftebildung auf dieses neue Lehramt für eine entscheidende Weichenstellung auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem.

(Marco Tullner, CDU: Da ist es wieder!)

Wenn dies gelingt, können etwa ab Mitte der 30er-Jahre überwiegend Lehrkräfte in die Grundschulen eingestellt werden, die neben den üblichen Lehrbefähigungen für die Fächer der Grundschule alle auch über eine grundständige Ausbildung in mindestens einer sonderpädagogischen Fachrichtung verfügen. Erst dann werden wirklich günstige Voraussetzungen geschaffen, um in den Grundschulen durchgängig und erfolgreich inklusiv unterrichten zu können.

Damit die Implementierung dieser neuen Studiengänge


Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:

Ihre Unterrichtszeit ist zu Ende.


Thomas Lippmann (Die Linke):

jetzt in Halle zeitnah in Gang gesetzt werden kann, bedarf es wie schon bei den anderen neuen Studienmodellen eines entsprechenden Landtagsbeschlusses.

Die Universität steht in den Startlöchern. Aber ohne ein klares Zeichen der Politik, dass dieser Prozess unterstützt wird, bleibt die Umsetzung unklar und offen. Deswegen bitten wir um Unterstützung dieses unseres Antrages, damit wir diesen Startschuss aus dem Landtag heraus geben können. - Vielen Dank.