Kerstin Eisenreich (Die Linke):
Vielen Dank, Herr Präsident. - Meine sehr geehrten Damen und Herren! Heute reden wir über Eichhörnchen, Mäusebussard und Co. und natürlich auch über Bambi. Ja, der Schutz von Wildtieren ist wichtig, aber nur schöne Bilder zu malen und Probleme anzureißen, ist halt noch keine Politik.
Beim ersten Lesen habe ich mich gefragt, was dieser Antrag eigentlich will. Es werden viele Probleme angerissen, urbaner Artenschutz, Wildtierauffangstationen, Live-Bilder und plötzlich auch Kitzrettung in der Landwirtschaft. Letzteres ist aber längst geregelt; das wurde gerade angesprochen.
Landwirtinnen und Landwirte sind angehalten, geeignete Maßnahmen vor der Mahd zu ergreifen, um Kitze zu schützen. Ganz ehrlich: Kein Landwirt hat wirklich ein Interesse an Kitzen im Mähwerk. Trotzdem wird dieses Agrar- und Jagdthema einfach mit hineingezogen und natürlich möchte jeder Rehkitze schützen.
Doch wo sind im Antrag irgendeine Ordnung und Prioritäten zu finden? Wenn wir den Antrag in den Ausschuss überweisen, müssen wir uns dort fragen, worüber wir eigentlich reden. Über Stadtplanung, über Ehrenamt, über Jagdrecht, über Landwirtschaft? Letztlich reden wir dann über alles und eigentlich über nichts Konkretes.
Besonders deutlich wird das am Begriff der kleinen Wildtiere. Hierbei handelt es sich um keine definierte Rechtskategorie, sondern um eine emotionale Klammer. Unter diesem Begriff fasst der Antrag Greifvögel, Wildkaninchen und sogar Rehe zusammen. Rehe sind aber jagdrechtlich Schalenwild und ganz sicher keine kleinen Wildtiere. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass dem Antrag Prosa über Inhalt geht.
Ähnlich unklar bleibt es bei den Wildtierauffangstationen. Ja, es gibt in Sachsen-Anhalt Anlaufstellen, etwa einzelne Stationen, Rettungsnetzwerke und eine staatliche Vogelschutzwarte. Natürlich ist uns eine verlässliche Finanzierung ein Anliegen, aber der Haushalt ist im Bereich des Naturschutzes derart gekürzt worden, dass wir das natürlich auch entsprechend kritisiert haben. Das aber jetzt zu fordern, ist schon etwas zu spät.
Wer soll denn eigentlich ein flächendeckendes Netz tragen? - Das Ehrenamt, die Kommunen oder das Land? Kurz gesagt: Der Antrag ist eine Sammlung von Problemen und Wünschen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wenn wir über den Schutz kleiner Tiere im urbanen Raum ernsthaft reden wollen, dann sollten wir es konzentriert und wirksam tun. Dafür nenne ich beispielhaft einige Punkte.
Erstens. Kleingärten können Hotspots von Artenvielfalt sein und zeigen seit Jahrzehnten, wie Menschen lebendige Räume für die Natur schaffen können. Hecken, Beete, alte Obstbäume und ein Laubhaufen in der Ecke - das ist echte ökologische Strukturvielfalt in der Stadt. Die Frage dabei ist nicht, ob Kleingärten wichtig sind, sondern wie wir ihr Potenzial gemeinsam mit den Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern besser ausschöpfen.
Zweitens, der Igel. Viele Menschen kennen ihn, mögen ihn und viele helfen ihm sogar - Herr Aldag hat das beschrieben , trotzdem geht es dem Igel zunehmend schlecht. Gerade deshalb hat es uns gewundert, dass er im Antrag selbst gar nicht genannt wird. Aber Sie haben das mit Ihrer Rede wettgemacht.
Süß ist er ja, der Igel. Sein Bestand geht zurück und er gilt inzwischen als Vorwarnart auf der Roten Liste. Eine Ursache für den Rückgang des Igels ist, dass in unseren Städten Strukturen verlorengehen - zu wenig Laub, zu wenige Hecken. Hinzu kommen Verkehr und neue Technik, wie Mähroboter, die nachts leise durch Gärten fahren und für Igel lebensgefährlich sein können.
Der Igel zeigt aber auch sehr anschaulich, worum es beim Wildtierschutz im urbanen Raum ebenfalls geht, nämlich um Alltagsentscheidungen. Selbst die artenreichsten Kleingärten werden wenig helfen, wenn die Tiere, so auch Insekten, gleich außerhalb des Kleingartens an der ersten Laterne sterben. Denn auch die Lichtverschmutzung ist eine massive und oft unterschätzte Gefährdung für Insekten, Vögel und nachtaktive Säugetiere.
Die Nächte werden durch Straßenbeleuchtungen, Werbeanlagen und angestrahlte Gebäude immer heller. Für viele Tiere bedeutet dies großer Stress und Orientierungsverlust. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass Licht im Dunkeln wichtig ist für die öffentliche Sicherheit. Wir haben an dieser Stelle einen echten Zielkonflikt, der politisch gestaltet werden muss.
Auch wenn wir leichte Bauchschmerzen haben, weil wir die Richtung des Antrags nicht richtig erkennen können, werden wir seiner Überweisung an Ausschuss zustimmen. - Vielen Dank.