Susan Sziborra-Seidlitz (GRÜNE):
Vielen Dank. - Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Dieser Satz ist mehr als ein medizinischer Merkspruch. Er ist eine Grundwahrheit der Pädiatrie. Kinder unterscheiden sich von Erwachsenen in der Anatomie, in den Krankheitsbildern, in der Art, wie Medikamente wirken, und sie brauchen deshalb eine eigene, spezialisierte Versorgung.
Wenn im Krankenhausreformanpassungsgesetz - es ist eben dort verortet und nicht im Lauterbach‘schen Gesetz, bei dem das Rummurkeln dazu führt, dass das jetzt passieren soll - die Leistungsgruppen der speziellen Kinder- und Jugendmedizin und der speziellen Kinder- und Jugendchirurgie gestrichen werden sollen, dann ist das nicht nur ein technischer Eingriff in die Systematik, sondern es ist ein Eingriff in die Versorgungsqualität. Denn werden diese Leistungen in die Erwachsenenmedizin integriert, dann gehen spezifische Qualitätsvorgaben, Personalstandards und Vorhaltefinanzierungen für Kinder verloren. Das wäre ein schwerer Rückschritt für die Versorgung unserer Jüngsten.
Das Ziel der Reduzierung von Leistungsgruppen mag erst einmal sinnvoll sein. - Vereinfachung, Bürokratieabbau, effiziente finanzielle Steuerbarkeit. Aber im Bereich der Pädiatrie schießen diese Regelungen weit über das Ziel hinaus. Hier gilt: Mitgemeint ist eben nicht automatisch mitgedacht. Integration in die Erwachsenenleistungsgruppen birgt die große Gefahr der Unsichtbarkeit, gefolgt von Unterfinanzierungen. Das darf nicht passieren. Wir kennen einen solchen blinden Fleck auch im Bereich der geschlechtergerechten Medizin unter dem Begriff des Gender Health Gap. Oft sind Frauen nur mitgemeint, und es weiß halt eben doch keiner, dass Rückenschmerzen bei Frauen Symptome eines Herzinfarkts sein können, weil alle nur das Bild des älteren Mannes haben, der sich schmerzverzerrt an die Brust greift.
Unsere Gesundheitsversorgung darf sich weder nur an einem Geschlecht orientieren, noch nur an einer Lebensphase. Wer Kinder einfach in die Erwachsenenlogik hineindrückt, der verkennt ihre besonderen Bedürfnisse. Wir unterstützen den Antrag, die Kinder- und Jugendmedizin zu stärken, aber auch wir freuen uns auf das Gespräch im Ausschuss darüber. Denn nur so können wir eine mögliche Initiative unseres Landes auf der Bundesebene, z. B. im Vermittlungsausschuss, gut vorbereiten. Da wir auf der Bundesebene immer noch über einen Referentenentwurf zu diesem Thema sprechen, bleibt uns noch ein bisschen Zeit, dieses Anliegen im Sozialausschuss zu beraten.
Die Geschichte dieses Antrages - lassen Sie mich das noch sagen - zeigt im Übrigen auch, dass die wirklich anstrengende Praxis hier im Haus, unhaltbare Tagesordnungen zu stricken, anstatt einmal in Ruhe drei Tage zu beraten und den Anträgen die gebotene Zeit zu geben, und dann hektisch Anträge auf die nächste Sitzung zu schieben, damit wir hier nicht bis um Mitternacht sitzen, Folgen hat. Dieser Antrag wäre vor einem Monat noch sehr viel wirksamer beraten gewesen. Manchmal sind Dinge auch zeitkritisch.
Sehr geehrte Damen und Herren! Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie verdienen eigene Standards, eigene Strukturen und eine starke Stimme in der Gesundheitspolitik. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, zumindest für das bisschen, das uns noch bleibt. - Vielen Dank.