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Samstag, 19.08.2017

1 Termin gefunden

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18:00 Uhr Datum: 19.08.2017

Magdeburger Zoonacht

Teilnahme durch Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch
Zoologischer Garten Magdeburg

Plenarsitzung

Transkript

Cornelia Lüddemann (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Globalisierung, Digitalisierung und der demografische Wandel haben in den letzten Jahren unsere Arbeitswelt entscheidend verändert und werden das auch weiterhin tun.Wir GRÜNE stellen uns dieser Herausforderung und wollen gute Arbeit für alle gestalten. Dazu gehören für uns auf einer ersten Ebene faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen, zukunftsfähige Arbeitsplätze sowie die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt. Die Lohnentwicklung geht in Deutschland seit Jahren stark auseinander. Grund hierfür ist vor allem die Flucht vieler Unternehmen aus Tarifverträgen. Eine jährlich von der NordLB veröffentlichte Liste besagt, dass 25 % der 100 größten Unternehmen in Sachsen-Anhalt ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine Tariflöhne zahlen. Eine Stärkung der Gewerkschaften liegt daher in unser aller Interesse, um den Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt zu stärken.Zudem wollen wir prekäre Arbeitsbedingungen verhindern, die Rechte von Leiharbeitskräften ab dem ersten Tag stärken sowie die Entlohnung von Care-Berufen deutlich verbessern. Faire Löhne - das bedeutet für uns vor allem auch, dass Frauen und Männer die gleiche Bezahlung für die gleiche bzw. für gleichwertige Arbeit erhalten. (Beifall bei den GRÜNEN)Bundesweit lagen 2016 die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern bei 21 %. Ich weiß, dass Sachsen-Anhalt mit 2 % hier Vorreiter und Beispiel ist. Aber auch mit diesem kleinen, aber feinen Unterschied dürfen wir uns nicht zufriedengeben. Faire Löhne gibt es allerdings nur mit guten und zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. Hier wollen wir den sozial-ökologischen Wandel als Jobmotor nutzen. Die Energiewende zeigt bereits, dass ökologisch nachhaltige Projekte neue Wirtschaftsdynamiken generieren. Sachsen-Anhalt ist auch in diesem Bereich Spitzenreiter. Im Bereich der erneuerbaren Energien gibt es ca. 20 000 Beschäftigte. Mit einer Bruttobeschäftigung durch erneuerbare Energien von 26,8 pro 1 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer liegt unser Land im bundesweiten Durchschnitt auf Platz 1.(Beifall bei den GRÜNEN)Mit der Mobilwende und der Agrarwende wollen wir diesen Weg weitergehen. Die rasante Entwicklung der letzten Jahre auf dem Arbeitsmarkt hatte außerdem zur Folge, dass den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern immer höhere Flexibilität abverlangt wird. Das darf nicht zur Einbahnstraße werden, sondern muss in erster Linie den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zugutekommen. Es geht schlicht und einfach um mehr Gestaltungsmöglichkeiten im Arbeitsalltag und in der Erwerbsbiografie. Das bündelt sich für uns in dem Begriff „Zeitsouveränität“. Das beinhaltet eine Verbesserung der Situation insbesondere für Alleinerziehende - davon haben wir bundesweit den zweithöchsten Prozentsatz - durch die Schaffung flexiblerer Kinderbetreuung und damit die Verbesserung unseres schon guten Kinderbetreuungssystems, das von den Kollegen bereits hervorgehoben wurde, und einer Stärkung der Teilzeitausbildung. Ebenso gehört die Entwicklung eines flexiblen Übergangs in die Rente dazu - ohne fixe Altersgrenzen. Maßgeblich ist die Debatte um die Definition einer Vollzeitstelle. An diesem Punkt möchte ich zu einer grundsätzlichen Betrachtung der Frage nach guter Arbeit anregen. Aufgrund meiner begrenzten Zeit ist mir das an der Stelle nicht möglich. Aber ich frage schon: Hängen unser Glück und unsere soziale Teilhabe wirklich an einer 40-stündigen Erwerbsarbeitswoche? - Für den einen oder anderen mag das so sein. Aber für Eltern, für Vielfachinteressierte, für pflegende Angehörige oder auch für politisch oder gesellschaftlich Engagierte ist das ein ganz anderer Fall. Ich denke, hier muss eine Debatte um gute Arbeit ganz zentral ansetzen; denn wir reden bei diesen Debatten zwar immer über Arbeit allgemein, aber wir meinen tatsächlich meist Erwerbsarbeit. Sorgearbeit, Eigenarbeit, ehrenamtliches Engagement sind für uns GRÜNE in der Diskussion nicht davon zu trennen.(Beifall bei den GRÜNEN)Wir dürfen die Debatte nicht verkürzt führen. Wir dürfen sie nicht inkonsistent führen. Warum ist es Arbeit, wenn eine Frau fremde Kinder betreut, und warum ist es keine Arbeit, wenn die Frau ihre eigenen Kinder zu Hause betreut? - Der gängige verkürzte Arbeitsbegriff ist aus unserer Sicht reformbedürftig.(Beifall bei den GRÜNEN)Daher sollte Arbeitsmarktpolitik nie dem Fehlschluss unterliegen, an ihr allein hingen soziale Teilhabe, soziale Sicherung und letztlich das Glück aller. Ich betone das ausdrücklich; denn die Erwerbsgesellschaft, geschaffen durch die Industrialisierung und geprägt von der Normalerwerbsbiografie des 20. Jahrhunderts, ist ein Kind und ein Zeitprodukt des 20. Jahrhunderts. Heute müssen wir Arbeit breiter denken. Wir müssen soziale Teilhabe und soziale Sicherung breiter denken. Wir brauchen eine neue Begrifflichkeit. Dann kommen wir irgendwann an den Punkt, auch über Grundeinkommen zu reden.Da ich meine Redezeit schon leicht überschritten habe, werde ich das heute nicht mehr schaffen. Ich lade Sie ein, auch diese Diskussion zu führen. - Vielen Dank.(Beifall bei den GRÜNEN)